Facebook und Twitter: Tools für Barrierefreiheit im Web

Wenn blinde Menschen soziale Medien wie Twitter und Facebook nutzen, stoßen sie hierbei immer wieder auf Barrieren. Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Meinen Beitrag über aktuelle Tools für mehr Barrierefreiheit im Netz finden Sie auf leidmedien.de.

Blind leben: Ein ganz normaler Tag

Wie wird blind gelebt: Heiko Kunert berichtet aus seinem Alltag, dieser unterscheidet sich kaum von dem sehender Menschen, auch dank technischer Hilfsmittel. Begleiten Sie Heiko Kunert und erleben mit ihm einen ganz normalen Tag.

Sie finden meinen Text im aktuellen Lebenlang-Magazin.

Blinde Kino-Bloggerin: „Möchte einfach immer im Bild sein“

Barbara Fickert
Barbara Fickert

Barbara Fickert kann nicht sehen, was auf der Leinwand vor sich geht – und doch ist sie leidenschaftliche Kinogängerin. Im Interview mit mir spricht sie über ihre Lieblingsfilme, die Kunstform Hörfilm und über ihren Blog.

Heiko Kunert: Du bist leidenschaftliche Kinogängerin. Welcher ist Dein Lieblingsfilm und warum?

Barbara Fickert: Im letzten Jahr, meinem ersten als Bloggerin, habe ich mir ungefähr 55 Filme angeschaut. Unter diesen kann ich mich unmöglich nur für einen als Lieblingsfilm entscheiden. Dazu waren einfach zu viele zu gut! Aber zu meinen absoluten Favoriten gehören „Das brandneue Testament“ und „The Danish Girl“. Beide Filme starteten erst vor kurzem in den Kinos und deshalb ist meine Erinnerung an diese noch recht frisch.

„Das brandneue Testament“ ist eine ausländische Filmproduktion, für die es leider keine Audiodeskription gibt. Ich musste mich also an die Dialoge, die Filmgeräusche und die Musik halten, um mir halbwegs ein Bild von den unglaublichen Geschehnissen machen zu können. Unglaublich gut gefiel mir die Idee, den himmlischen Vater auf der Erde mit seiner Familie und den Mitmenschen zu konfrontieren und dass ihm dabei so viel Menschliches widerfährt. Besonders irre ist der Schluss! Viel geholfen hat mir die von meiner Freundin spontan erstellte und in mein Ohr geflüsterte Hörfilmbeschreibung. Aber ich kam bei den Dialogen schon auf meine Kosten. Die waren im wahrsten Sinne des Wortes einfach göttlich. Mit göttlich meine ich sehr witzig, oft auch böse und dabei immer geistreich absurd und sehr einfallsreich. Abgerundet hat das alles noch die außergewöhnliche, mit viel Liebe und Bedacht ausgewählte Filmmusik.

Auch „The Danish Girl“ kommt aus dem Ausland. Aber der Filmverleih Universal Pictures beauftragt von Hause aus für alle Filme eine barrierefreie Filmfassung und stellt diese über die App Greta und Starks zur Verfügung. Dieses außergewöhnliche Engagement ist in der Filmbranche einzigartig. Es gibt also eine Hörfilmbeschreibung und die hat mich genauso in den Bann gezogen wie der Film. Ohne diese wären mir die Details der schleichenden, aber unaufhaltsamen Wandlung des Mannes Einar hin zur Frau Lili entgangen, und damit der hochinteressante Schwerpunkt des Filmes. Die sehr angenehme Stimme des Sprechers der AD hat diesen dramatischen Prozess, der auch seine komischen Seiten hat, diskret und sensibel, aber trotzdem sehr aufmerksam begleitet.

„Das brandneue Testament“ brachte mich immer wieder herzhaft zum Lachen, „The Danish Girl“ eher zu einem nachdenklichen und mitfühlenden Lächeln. Beide Filme sind einfach großartig!

Heiko Kunert: Du bist stark sehbehindert. Wie erschließt Du Dir das Medium Film?

Barbara Fickert: An erster Stelle steht natürlich das gesprochene Wort und gleich danach kommen die Stimmen der Schauspieler. Die Stimme mit all ihren Nuancen hilft mir zuverlässig, mir den jeweiligen Gemütszustand und jede noch so kleine Veränderung der Mimik und kleine Gesten der Filmfiguren vorzustellen. Die Filmgeräusche vermitteln mir einen Eindruck von Raum und Zeit. Allerdings habe ich mich beim Geräusche Deuten schon das ein oder andere Mal auch verdeutet. Zusammengehalten und abgerundet wird für mich der Film durch seine Musik, wie das auch beim Stummfilm der Fall ist. Ob dramatische Orchesterklänge oder traurige Melodien auf dem Klavier ertönen, mit Musik kann genauso gut wie mit Bildern, Worten, dem Klang einer Stimme und den Filmgeräuschen die gewünschte Stimmung erzeugt werden. Wenn z. B. beim „Weißen Hai“ die tiefen Töne der Celli zu hören sind, weiß man auch ohne hinzusehen, dass jeden Moment das Ungeheuer auftaucht. Bei Hitchcocks „Psycho“ fiedeln die Geigen so lange in nervenzerreißend hohen Tönen, dass man sich das nahende Unglück schon fast herbeisehnt.

Die Dialoge, Stimmen, Geräusche und die Musik sind mir eine große Hilfe, einem Film folgen zu können. Meistens oder eigentlich immer ist für mich aber eine Hörfilmbeschreibung für das hundertprozentige Verstehen der Handlung unverzichtbar.

Heiko Kunert: Hörfilme sind eine eigene Kunstform. Was macht für Dich einen guten Hörfilm aus?

Barbara Fickert: Entscheidend ist für mich zunächst, dass mir der Film an sich gefällt. Ist das nicht der Fall, kann das die beste Hörfilmbeschreibung nicht wettmachen. Für einen guten Hörfilm muss eben beides passen.

Das Erste, worauf ich achte, ist die Stimme, die mir die Hörfilmbeschreibung ins Ohr flüstert. Der Film gibt vor, ob sich ein Sprecher oder eine Sprecherin in das Dialogstimmgewirr besser mit einer eher jüngeren oder reiferen, einer ruhigeren oder energischeren Stimme einfügt. Im Idealfall erfahre ich durch die Sprecher all das, was sich mir durch die Dialoge, Geräusche und die Musik allein nicht erschließt. Grundsätzlich ziehe ich eine knapper gehaltene Audiodeskription einer zu ausführlichen vor. Es hängt von der Art des Films ab, ob mir beispielsweise die genaue Beschreibung der Kleidung wichtig ist und ob ich sehr detailliert erfahren möchte, wie die vorbeifliegende Landschaft aussieht. Auf den Punkt gebracht möchte ich einfach immer im Bild sein und mit den anderen Zuschauern zeitgleich lachen oder schlimmstenfalls auch weinen. Super, dass mir das die Hörfilmbeschreiber ermöglichen!

Heiko Kunert: Seit Januar 2015 lässt Du uns auf blindgaengerin.com teilhaben an Deinen Kinobesuchen. Warum hast Du mit dem Bloggen begonnen?

Barbara Fickert: Kino fasziniert mich schon so lange ich denken kann, und seitdem ich auf der Leinwand kaum noch etwas zu erkennen vermag, habe ich den Hörfilm für mich entdeckt. Mit meinen Versuchen, als Hörfilmbeschreiberin tätig zu werden, bin ich mehrmals gescheitert, das wollen wahrscheinlich einfach zu viele! Als ich im Dezember 2013 bei der ersten Kinovorstellung mit der App Greta und Starks in Berlin dabei sein durfte, begann es, in mir zu arbeiten. Ich wollte der ganzen Welt mitteilen, dass und wie man jetzt, auch ohne sehen zu können, genauso viel Spaß im Kino haben kann wie jeder andere auch. Nach ein paar ermutigenden Anstupsern aus meinem Umfeld habe ich dann, natürlich mit technischer Unterstützung, die Seite „Blindgängerin“ ins Leben gerufen. Bis jetzt bereue ich es keine Minute, mich unter die Blogger gemischt zu haben, im Gegenteil! Blogfrei wäre ich bestimmt nicht so oft ins Kino gegangen und hätte viele tolle Filme verpasst. Auch meine Scheu vor Facebook musste ich überwinden. Eine besonders große Bereicherung sind die vielen interessanten Leute, von denen ich sonst nie erfahren und die ich nie kennengelernt hätte. Einer davon ist übrigens mein Interviewpartner!

Über Barbara Fickert:

Seit Anfang des letzten Jahres schreibt Barbara Fickert (56) in ihrem Blog, www.blindgaengerin.com, über ihre Kinoerlebnisse. Sie lebt seit 32 Jahren glücklich in Berlin. Als gebürtige Mannheimerin wurde sie dort in eine Sonderschule für Sehbehinderte eingeschult und hat anschließend das Abitur an einem Regelgymnasium in Heidelberg absolviert. Nach dem Jurastudium in Heidelberg und Berlin, leider ohne erfolgreichen Abschluss, hat sie in Büros als Logistikerin gearbeitet. Vor 15 Jahren musste sie – anfangs widerwillig – das Training mit dem weißen Langstock absolvieren, den sie inzwischen keine Minute mehr missen möchte. Wenn sie nicht ins Kino geht, spielt sie akustische Gitarre und Percussion. Dazu versucht sie, sich durch Sport fit zu halten. Wer mehr über sie wissen möchte, kann das in voller Länge auf ihrer Seite unter „Über mich“ erfahren.

Interview: Wie träumen blinde Menschen?

Die Frage „Wie träumst du eigentlich?“ gehört zu den häufigsten Blinden-Fragen, die mir so gestellt werden. Katharina vom Die-will-nur-schlafen-Blog hat sie mir ebenfalls gestellt – und noch einige Fragen mehr rund ums Schlafen und Träumen. Das vollständige Interview finden Sie hier. Viel Vergnügen beim Lesen – und gute Nacht!

Lieber @HSV, wann wird Deine Website barrierefrei?

Fußball-Fans haben es nicht immer leicht. In meinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass mein Vater leidenschaftlicher FC-Bayern-Anhänger war und dass ich 1976 geboren wurde. Diese unglückliche Gemengelage brachte es mit sich, dass ich in einer Zeit meine Trotzphase durchlebte, in der Bayern und der Hamburger Sportverein große Rivalen im Kampf um die Deutsche Meisterschaft waren. Was soll ich sagen? Seitdem bin ich HSV-Fan.

Und das ist, wie gesagt, nicht immer ganz leicht. Der Sieg von Athen 1983 war ja noch recht hübsch oder der DFB-Pokal-Erfolg 1987. Die vier Jahre Dauerkarte von 1997 bis 2001 hatten auch ihren Reiz – zumindest hatte man zweiwöchentlich einen Grund, sich zu besaufen.

Aber die letzten Jahre… Die Spiele der Schmach gegen Bremen in 2009 und die Relegationen 2014 und 2015 waren echt übel. Das Bangen, das Leiden, angespannt, mit Kopfhörern und dem Sport1.fm-Kommentar im Ohr auf dem Sofa. Fluchend, am Ende vor Glück jubelnd. Das war die Hölle für mich – und wohl auch für meine Frau und unsere Katze.

So, lieber HSV! Ich mach hier diesen ganzen Quatsch jetzt seit fast 40 Jahren mit – und von 90 Mio. € Schulden und verlorenen Rucksäcken haben wir ja noch gar nicht gesprochen – und da dachte ich, dass es Dir gut zu Gesicht stehen würde, mal etwas zurückzugeben. Ich liebe Twitter – und Du ja seit vorigem Jahr auch. Zumindest hat Dein Social-Media-Team ordentlich zugelegt. Es beantwortet inzwischen auch Fragen: Welche Spieler verletzt sind, ob das Training öffentlich ist.

Ich dachte mir, ich frag mal, ob Du, lieber HSV, als größter Sportverein der Stadt mit Deiner Tradition und alledem nicht mal Deine Website überarbeiten willst, so, dass auch blinde Menschen wie ich diese nutzen können.

Vielleicht weißt Du ja gar nicht, dass wir mit Hilfe von sog. Screenreadern auch im Web surfen – sei es am Windows-PC oder mit dem iPhone. Eine Sprachausgabe liest die Inhalte vor, auf einer Braillezeile erscheint der Bildschirminhalt in Blindenschrift und was für sehende Menschen die Maus, sind für mich Tastenkombinationen.

Damit das aber richtig funktioniert, müssen Regeln beim Erstellen der Website berücksichtigt werden: Grafiken und Schaltflächen brauchen Alternativ-Texte, Überschriften müssen im HTML als Headlines ausgezeichnet werden usw. Das alles ermöglicht mir das eigenständige Surfen im Web.

Doch Deine Website, lieber HSV, Du mein einzigwahrer Lieblingsverein bis in den Tod, Deine Website ist eine Katastrophe, was ja auch wieder irgendwie zum Fußball der letzten Jahre passt. Allein schon die Vorschaltseite, die mich in Empfang nimmt, signalisiert: „Blinder Nutzer, Du musst leider draußen bleiben“. Dabei zeigt Dein Konkurrent Wolfsburg, dass so eine Vorschaltseite auch so gestaltet sein kann, dass der Screenreader erkennt, wohin die angezeigten Links führen. Aber mal ehrlich, wen interessiert denn Wolfsburg?

Ich frag Dich also über Twitter, ob Du nicht barrierefrei werden willst. Und ich biete Dir auch gleich die Lösung für Dein Problem an. Wir vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg betreiben eine Beratungsstelle für barrierefreies Internet (der Werbeblock: Wenn Sie, Ihre Agenturen, Ihre Unternehmen barrierefreie Websites haben und damit die 150.000 blinden, 1,2 Mio. sehbehinderten und 10 Mio. behinderten Menschen in Deutschland erreichen wollen, dann melden Sie sich bitte bei mir, Sie finden mich auf Twitter). Wir könnten Dir, lieber HSV, also helfen, im Web endlich barrierefrei zu werden.

Aber leider reagierst Du nicht auf dieses grandiose Angebot. Kein Reply, kein Like. Gut kann ja mal untergehen, denke ich, vielleicht hatte gerad der Praktikant Dienst. Also, frage ich nach, nochmal via Twitter. Wieder nix, keine Antwort.

Also, nicht gerade das, was man eine klassische Erfolgsgeschichte nennt. Aber vielleicht wird sie das ja noch, wenn ich die Geschichte in meinem Blog veröffentliche und Sie diese über Twitter fleißig verbreiten – vielleicht reagiert der HSV ja dann. Und wenn nicht, muss ich meinem geliebten Lieblingsverein wohl doch einen Brief schreiben – ist halt ein Traditionsclub.

(Dieser Text war mein Beitrag zum Galaabend der Social Media Week 2016)

Behindertenpolitik in Deutschland: Eine Liste des Versagens

(Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2016)

Die Behindertenpolitik in Deutschland bewegt sich irgendwo zwischen Trauerspiel und zynischer Frechheit. Der diskriminierende Wolf kommt im Schafspelz der Inklusion daher. Die Hauptverantwortung hierfür trägt die Bundesregierung. Ein #Aufschrei fehlt oder geht im medialen Flüchtlings-Pegida-Terrorismus-AfD-Kriegs-Getöse unter. Eine Liste des Versagens:

  1. Die Bundesregierung blockiert eine Antidiskriminierungsrichtlinie der EU. Während sich alle anderen EU-Staaten einig sind, hat es das große, reiche Deutschland nicht nötig, seine rund 10 Mio. Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung vor Diskriminierung zu schützen.
  2. Auch auf das Menschenrecht auf Bildung pfeift die Bundesregierung. Sie blockiert die Ratifizierung des Marrakesch-Vertrags, der blinden und sehbehinderten Menschen den Zugang zur Literatur erleichtern sollte.
  3. Offen verstößt Deutschland gegen EU-Recht, indem Asylbewerber hierzulande keinen Rechtsanspruch haben, in Einrichtungen der Behindertenhilfe aufgenommen zu werden. Dabei sind dies häufig die einzigen Stellen, die auf die besonders prekäre Lage von Flüchtlingen mit Behinderung eingehen.
  4. Mit großem Trara lässt sich – insbesondere der sozialdemokratische Teil der Bundesregierung – für die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns feiern. Der Schönheitsfehler: Der Mindestlohn gilt nicht für Menschen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten.
  5. Immer noch gibt es in unserem demokratischen Land, Gesetze, die Menschen mit Behinderung das Wahlrecht entziehen.
  6. Vergewaltigungen behinderter Frauen werden, zumindest noch, weniger hart bestraft als Vergewaltigungen nichtbehinderter.
  7. Taubblinde Menschen warten seit Jahren auf mehr Teilhabe. Ein erster Schritt sollte die formale Anerkennung von Taubblindheit als eigenständige Behinderung sein. Ausdrücken sollte sich dies durch die Einführung eines Merkzeichens im Schwerbehindertenausweis. Doch die Umsetzung wird bis heute verschleppt.
  8. Während sich bei der Politik für taubblinde Menschen nichts bewegt, scheint es so, dass es bei Leistungen für blinde Sozialhilfeempfänger sogar einen Schritt zurückgeht. Die Unterstützung für diesen Personenkreis, die Blindenhilfe, soll zu einer Leistung zweiter Klasse werden, wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht.
  9. Sie schaut auch tatenlos zu, während die Lebensverhältnisse blinder und hochgradig sehbehinderter Menschen in Deutschland immer stärker auseinanderklaffen. Dabei verpflichtet das Grundgesetz sie eigentlich dazu, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen. Statt dies mit einer bundeseinheitlichen gerechten Blindengeldlösung zu tun, nimmt sie die Negativspirale beim Blindengeld in den Bundesländern einfach hin.
  10. Die Bundesrepublik hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Im vergangenen Jahr hat ein Fachausschuss der Vereinten Nationen den Stand der Umsetzung bewertet und eine Vielzahl von Lücken entdeckt. Der Ausschuss nennt u.A. das Verbot von Sterilisationen behinderter Menschen ohne deren freie Einwilligung, die Schaffung eines inklusiven Notrufs und Katastrophenschutzes und den Rückbau des segregierenden Schulwesens.
  11. Inzwischen wendet Deutschland sich sogar ganz offen gegen das Verständnis der UNO von inklusiver Beschulung. In einer Stellungnahme verteidigen Bundesregierung und Bundesländer das Sonderschulsystem. Statt vom unveräußerlichen Recht behinderter Menschen auf Teilhabe zu sprechen, faselt Deutschland irgendwas von einem „natürlichen Recht der Eltern, über Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu entscheiden“.
  12. Und was passiert, wenn die Bundesregierung dann doch mal ein im Prinzip vernünftiges Förderprogramm für Barrierefreiheit in Kommunen auflegt? Dann rufen eben diese Städte und Gemeinden – trotz klammer Kassen – das Geld beim Bund nicht ab.
  13. In diesem Monat präsentierte Sozialministerin Andrea Nahles das neue Bundesgleichstellungsgesetz. Das bringt zwar einige wenige Verbesserungen, klammert aber den ganzen Bereich von Benachteiligungen durch die Privatwirtschaft aus. Es ist so halbherzig, dass selbst die Beauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen nicht anders konnte, als das Gesetz öffentlich zu kritisieren.
  14. Und was ist mit dem größten behinderungspolitischen Projekt dieser Legislaturperiode, dem im Koalitionsvertrag angekündigten Bundesteilhabegesetz? Zunächst einmal brach die Bundesregierung kurzerhand ihren eigenen Koalitionsvertrag, in dem sie die finanzielle Entlastung der Kommunen (rund fünf Mrd. EURO) unvermittelt von der Agenda strich und damit einen großen Wurf von Vornherein beinahe unmöglich machte.
  15. Seitdem wird verzögert. Ein ausführlicher Beteiligungsprozess von Menschen mit Behinderung erweist sich zunehmend als Augenwischerei.
  16. Die Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen müssen dieser Tage feststellen, dass vom Paradigmen-Wechsel in der Behindertenpolitik wenig bis nichts übrig geblieben ist. Vielmehr scheint das Bundesteilhabegesetz – wenn die Vorzeichen stimmen – für viele Betroffene mehr Nachteile als Vorteile zu bringen. Verständlich, dass die Regierung den Gesetzentwurf so spät wie irgend möglich veröffentlicht, um eine gesellschaftliche Debatte möglichst kurz zu halten.

Aber muss die Regierung überhaupt einen #Aufschrei behinderter Menschen fürchten? Wann berichten denn große Radio- und Fernsehsender, Leitmedien wie Spiegel oder SZ über Deutschlands skandalöse Behindertenpolitik, wann erheben Meinungsführer in Blogs und sozialen Medien ihre Stimme gegen eine Bundesregierung, die bremst und blockiert statt sich für Inklusion und Barrierefreiheit einzusetzen? Wann gehen die Millionen Menschen mit Behinderung – immerhin 11% der Bevölkerung – auf die Straße? Wann werden wir sichtbar? Ich denke, es wird allerhöchste Zeit!

Galaabend: 15 Hamburger und ihre Tweets

Der große „Ein Tweet und seine Geschichte“-Galaabend findet statt am 26. Februar um 18 Uhr. Er ist Teil der diesjährigen Social Media Week Hamburg. Martin Fuchs – seines Zeichens Hamburger Wahlbeobachter – beschreibt das Konzept des Abends so:

Nach inoffiziellen Schätzungen soll es in Hamburg ca. 470.000 Twitternutzer geben. Wir haben uns 15 davon ausgesucht und bringen sie aus dem Netz auf die Bühne der Markthalle. Inspiriert vom wunderbaren Format 140 Sekunden (AVE/Blinklichten Produktion) soll jeder Twitterati einen seiner Lieblings-Tweets der letzte Jahre und die Geschichte hinter den 140 Zeichen präsentieren. Warum hat er den Tweet damals gesendet? Was hat er dabei gedacht & gefühlt? Was ist danach passiert? Wie waren die Reaktionen? Und warum denkt er/sie heute noch an diesen Zeilen?

Ich freue mich sehr darüber, einer der 15 Hamburgerinnen und Hamburger zu sein, die über ihren Tweet erzählen dürfen. Noch mehr würde ich mich über Ihren Besuch in der Markthalle freuen. Seien Sie gespannt, über welchen meiner aktuell 13.409 Tweets ich plaudern werde – ich bin es auch.;-) Für die Veranstaltungen der Social Media Week können Sie sich hier anmelden. Der Eintritt ist frei.

Heiko Kunert Online

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