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Seminar für Blinde und Sehbehinderte: Social Media in der PR

Nach knapp vier Jahren ging es am Sonntag wieder nach Frankfurt, an den Ort meiner PR-Ausbildung in die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Ich war eingeladen, ein zweitägiges Seminar zum Thema „Social Media und Public Relations“ zu halten. Eine Gruppe von acht zukünftigen PR-Juniorberatern – alle sehbehindert oder blind – diskutierte engagiert und interessiert über Chancen und Risiken von Facebook und Co. Ich lieferte Grundlagen-Wissen und gab den Teilnehmern Tipps für den Umgang mit Barrieren im Web.

Ein bisschen aufgeregt war ich schon: Allein diese zwei kompakten Tage zu gestalten, war eine Herausforderung, zumal die Seminar-Teilnehmer sehr unterschiedliche Vorkenntnisse mitbrachten. Aber der Feedback-Runde zufolge haben alle viel gelernt und mitgenommen. Einige der zukünftigen PR-Profis haben sich bereits während des Seminars Blog-Adressen gesichert und Twitter-Profile eingerichtet. „Du hast mir ein Teil meiner großen Skepsis gegenüber Social Media genommen und mir gezeigt, welch große Bedeutung das Thema für die Unternehmenskommunikation hat“, sagte mir einer der Teilnehmer nach den zwei Tagen. Das freut mich sehr.

Und ich hoffe, dass alle acht Auszubildenden nach bestandener Prüfung eine berufliche Chance erhalten. Sie hätten es verdient. Sprich: Wenn Sie Arbeitgeber sind und einen PR-Profi suchen, dann stellen Sie doch einmal einen Mitarbeiter mit einer Sehbehinderung ein.

Die Presseagentur DAPD hat uns übrigens bei unserem Seminar besucht und einen ausführlichen Artikel veröffentlicht. Mehr Infos zur PR-Ausbildung erhalten Sie auch direkt bei der Stiftung für Blinde und Sehbehinderte.

Perspektiven (12): Von unsozialen Kürzungen und beruflichen Chancen

Schleswig-Holsteins Landesregierung aus CDU und FDP will das Blindengeld halbieren. Marc von Kopylow hat für die Lübecker Nachrichten eine 80jährige blinde Frau befragt, wofür sie den finanziellen Nachteilsausgleich benötigt. Dabei wird eines klar: Eine Kürzung bedeutet weniger Selbstständigkeit und weniger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben:

Während die Kasse nur normale Lupen finanziert, braucht Wera Zimmermann spezielle Lupen, die sich auch noch schnell verbrauchen. Eine sprechende Körperwaage und sprechenden Uhren, ein Monokular, eine Fernsehlupenbrille und eine Brille mit Kantenfiltergläsern musste Zimmermann komplett selbst bezahlen. Das Bildschirmlesegerät erleichtert der Schwarzenbekerin vieles, doch länger als eine halbe Stunde schafft sie sich nicht durch die wackelig zu lesenden Großbuchstaben von normalen Texten zu hangeln. Oft sind ihr da schon zehn Minuten zu anstrengend. Und Bilder lassen sich nur dort anschauen. Von ihrer Kasse, so erzählt sie, hätte es nur ein Schwarz- Weiß-Gerät gegeben, mit schlechten Einstellmöglichkeiten. Zimmermann musste für bunte Bilder und bessere Bedienung des Gerätes 1000 Euro dazu bezahlen. Regelmäßige Kosten entstehen dadurch, dass Zimmermann eine Hilfe braucht, die sie zum Einkaufen fährt und ihre Wohnung reinigt. Und zweimal im Jahr gönnt sich die alleinstehende Frau für jeweils zehn Tage eine Fahrt in ein Blindenhotel in Timmendorf. Das kostet mit etwas Programm jeweils um die 750 Euro. Für Zimmermann, deren Töchter weit weg wohnen, ist das die Chance, ihre vier Wände zu verlassen und unter Menschen zu kommen, die Verständnis für ihre starke Sehbehinderung haben. Zimmermann weiß, dass immer mehr alte Leute von Blindheit betroffen sind. Sollte die Halbierung des Blindengeldes kommen, verbleiben ihr nur 83 Euro im Monat.

Viele nichtbehinderte Menschen können sich nur schwer vorstellen, wie sehbehinderte und blinde Menschen Ausbildung und Beruf meistern. Dass mit den geeigneten Hilfsmitteln und in einem Klima der Offenheit sogar Topleistungen möglich sind, zeigt folgende Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung vom 3. September 2010:

Fachangestellter für Medien und Informationsdienste von der IHK ausgezeichnet Peter Hahling, sehbehinderter Auszubildender des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, hat den besten Abschluss als Fachangestellter für Medien und Informationsdienste (FaMI) seines Jahrgangs in Hessen erreicht. Für seine herausragenden Leistungen wurde er gestern Abend von der Industrie und Handelskammer (IHK) Frankfurt am Main ausgezeichnet. Im Rahmen eines Festaktes wurden insgesamt 230 Absolventinnen und Absolventen aller IHK-Ausbildungsberufe des Bezirks Frankfurt, die mit sehr gut bestanden haben, geehrt.

Schon seit 15 Jahren bildet das DIPF Blinde und Sehbehinderte aus und kooperiert dabei eng mit der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Die behinderten Auszubildenden sind bestens integriert und die Bedingungen sind hervorragend, beschreibt Peter Hahling die Grundlage des Erfolgs. Während seiner Lehrzeit profitierte er beispielsweise von Computern mit Spezialsoftware oder verschiedenen Vergrößerungshilfen. Seit 1995 haben am DIPF 18 Blinde oder Sehbehinderte ihre Ausbildung zum FaMI oder ihr Volontariat zum Wissenschaftlichen Dokumentar gemeistert.

2006 erreichte die blinde Auszubildende Ursula Hartmann sogar den besten FaMI-Abschluss in ganz Deutschland. Ob dies Peter Hahling möglicherweise erneut gelungen ist, steht noch nicht fest. Die Ehrung der bundesweit besten Auszubildenden erfolgt im Dezember in Berlin. Zunächst freut sich der FaMI aber erst einmal, dass er direkt im Anschluss an seine Ausbildung vom DIPF übernommen wurde.

In “Perspektiven” stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Bürokratie statt Arbeitsplatz: “Ich könnte vielen Frauen helfen”

Arbeitsplatz und Sehbehinderung scheinen in Deutschland beinah unvereinbar. Vorurteile bei Arbeitgebern, bürokratisches Wirrwarr und unflexible Sachbearbeiter sind einige Ursachen dafür. Janine Zehe hat ihren Traumberuf gefunden, kann ihn aber nicht ausüben. In einem Gespräch mit mir beschreibt die blinde Frau ihren Werdegang und ihre Erfahrungen bei der Jobsuche und mit der Arbeitsagentur.

Janine Zehe
Janine Zehe

Heiko: Janine, magst Du den Blind-PR-Lesern ein bisschen über Dich erzählen, wie alt Du bist, wodurch Du erblindet bist, was Du in Deiner Freizeit so treibst?

Janine: Hallo! Ja gern. Also ich bin 30 Jahre alt, seit meiner Geburt durch einen Gendeffekt blind. Davon habe ich mich allerdings nie einsperren lassen. Seit meinem 9. Lebensjahr reite ich, wenn das Geld es mir gestattet, mehr oder weniger regelmäßig. Außerdem gehe ich sehr gern segeln, mit Freunden ins Kino, Bars, auf Konzerte(Deutschlandweit auch ohne Begleitung), ins Theater, einfach aus. Dazu bin ich passionierte Schauspielerin und Sängerin, spiele seit zwei Jahren in einer Hamburger Theatergruppe, bestehend aus blinden und sehenden Schauspielern, mit. Außerdem liebe ich es, Gedichte zu schreiben, zu kochen und spazieren zu gehen. Auch Hörspiele und deren Live-Präsentationen vor der Veröffentlichung oder auch danach sind meine große Leidenschaft.

Heiko: Blinde Kinder kommen heutzutage immer häufiger auf Regelschulen. Zu Deiner Zeit war das die absolute Ausnahme. Wo bist Du zur Schule gegangen und wie fällt im Nachhinein Dein Fazit aus – bist Du für Sonderschulen oder für integrative Klassen?

Janine: Ich besuchte von 1986 bis 1997 die Blinden- und Sehbehindertenschule Borgweg, von 97 bis 2000 die Höhere Handelsschule für Blinde und Sehbehinderte in der Carl-Cohn-Straße in Hamburg. Ganz ehrlich gesagt, bin ich, als ich im Jahr 2000 die Höhere Handelsschule verließ, mittelschwer geschockt gewesen, was wir alles nicht gelernt haben. Gott sei Dank bin ich ein sehr offener, wissbegieriger Mensch, so konnte ich diese Defizite nachholen. Integration ab der 1. Klasse finde ich problematisch, da man, insbesondere für Mathematik und Rechnungswesen, die Blindenschrift braucht, um effektiv und schnell arbeiten zu können. Ab der 5. Klasse aber sollte eine integrative Beschulung stattfinden, damit das blinde Kind beide “Perspektiven” kennenlernt: einerseits nicht allein auf der Welt mit seiner Blindheit zu sein, andererseits die einzige mit einer Behinderung zu sein, ich denke das hilft, später im Leben gut zurechtzukommen. Mein Vorteil waren halt meine sehenden Freunde, die ich während meiner gesamten Kindheit und Jugend hatte.

Heiko: Nach der Schule hast Du studiert. Wie war es mit sehenden Kommilitonen zusammen zu arbeiten? Wie kooperativ waren die Dozenten?

Janine: Es war WUNDERBAR! Natürlich gab es auch Probleme, insbesondere in der Praxisphase unseres Studiums, (Sozialpädagogik an einer evangelischen privaten Fachhochschule) aber die Dozenten waren immer sehr kooperativ. Meine Probleme waren auch einfach dadurch gemacht, dass wir in einem Stadtteil mit einer hohen Anzahl von Migranten arbeiteten. Da kam die Sprachbarriere, aber auch das Misstrauen, das aus verschiedenen Kulturen Menschen mit Behinderung gegenüber entstanden ist. Wenn es darum ging, etwas von Overheadprojektoren oder Stellwänden vorgelesen zu bekommen, fand sich immer jemand. Mein Arbeitsmaterial bekam ich meist vorher, so dass ich es einscannen und mich dementsprechend an den Seminaren beteiligen konnte.

Heiko: Nach dem Studium stellt sich die Frage nach dem Job. Intuitiv denken viele Menschen, dass man als blinde Sozialpädagogin wenig Probleme bei der Arbeitsplatzsuche haben sollte – schließlich passen für viele die Begriffe “Sozial” und “Behindert” doch perfekt zusammen. Welche Erfahrungen hast Du bei Deinen Bewerbungsgesprächen gemacht? War Deine Behinderung ein Problem?

Janine: Oh ja! Meine Behinderung war und ist, gerade im sozialen Sektor, ein Problem. Oft scheint es mir, aber das ist nur mein Eindruck, dass Sozialarbeiter und Pädagogen zu viel reden und sich daher selbst im Wege stehen und dadurch keine Veränderung stattfinden kann. Bei meinen Bewerbungsgesprächen, so überhaupt welche stattfanden und nicht vorher eine Absage kam, wurde sich sehr oft hinter sehr wagen, sozialpädagogisch-höflichen Formulierungen verschanzt. Nur von meiner ehemaligen Anleiterin, die mich aus einem einjährigen Praktikum zum Erlangen der Fachhochschulreife kannte, und sogar wusste, dass ich gut arbeite, bekam ich folgende Aussage: “Janine, wir haben so viele Sozialpädagogen auf dem Arbeitsmarkt. Da können wir uns welche aussuchen und nehmen… entschuldige meine Offenheit… lieber die Gesunden.” Das aus dem Mund von ihr zu hören, war einerseits ein Schock, andererseits war DAS wenigstens mal ehrlich und es wurde nicht vorgeschoben, dass leider in der sozialen Einrichtung zu wenig Platz sei, oder dass Bedenken vorherrschten, die “Klienten” würden mit einem blinden Menschen nicht zurechtkommen. Wer weiß, vielleicht verstekct sich dahinter auch ein Gedanke wie: “Wir sehen jeden Tag so viel Elend, dann nicht auch noch eine Kollegin mit Behinderung”. Und dann ist ja auch viel Aufwand mit der Beschaffung von Hilfsmitteln zu betreiben, und bei einem Behinderungsgrad von 100 % besteht ja auch ein sehr fester Kündigungsschutz. Sehr oft sind die Sozialpädagogenstellen auch noch befristet, wodurch die Förderung von Hilfsmitteln durch das Integrationsamt wegfällt, ebenso wie die Lohnförderung der ersten zwei bis drei Jahre.

Heiko: Und wie ging es dann jobmäßig bei Dir weiter?

Janine: Ich diplomierte im Februar 2006, woraufhin ich erst einmal für 9 Monate arbeitslos war. Ich versuchte es überall, sogar in Obdachlosenberatungsstellen. Schließlich erfuhr ich durch eine Rundmail, die der “Dialog im Dunkeln”, wo ich damals als Aushilfe arbeitete, verschickte, dass die “Unsicht-Bar”, ein vollkommen dunkles Restaurant öffnete. Hier sah ich meine Chance, denn damals schon hatte ich die Nase von den ganzen Ausreden gestrichen voll. Das Glück wollte es also, dass ich am 01.11.06 fest eingestellt wurde. Also kellnerte ich ein Jahr und zwei Monate vor mich hin, was mir auch viel gegeben hat, es machte Freude, und ich lernte einiges über mich selbst. Dann allerdings merkte ich, dass mir das nicht mehr reichte, ich betrieb sogar meine eigene private “Sozialforschung” nebenher, indem ich beobachtete, wie Menschen in einer solchen Situation miteinander umgehen, welche Menschen was essen usw. Also ging ich im Februar 08, um mich weiterzuentwickeln und zu orientieren.

Heiko: Unsicht-Bar und Dialog im Dunkeln sind wichtige Institutionen. Du wolltest aber nicht den Rest Deines Lebens im Dunkeln arbeiten. Aktuell versuchst Du Tastuntersucherin zu werden. Was genau ist das?

Janine: Eine medizinische Tastuntersucherin ist eine blinde Frau, die Gynäkologen bei der Brustkrebsdiagnose hilft. Hierbei tastet sie Cm für Cm die weibliche Brust nach Knötchen ab. Dies geschieht nach einem gewissen System, welches Dr. Frank Hoffmann aus Duisburg entwickelt und daraus das projekt “Discovering hands” gemacht hat. Hierbei wird die erhöhte sensibilität in den Händen eingesetzt, die bei blinden Frauen mehr ausgeprägt ist, weil wir unsere Hände ja ganz anders zum Tasten einsetzen müssen. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir uns viel mehr Zeit nehmen können für die Tastuntersuchung, eine MTU untersucht sehr vorsichtig und in entspannter Atmosphäre ca. eine halbe Stunde lang die Brust, was im normalen Praxisalltag eines Gynäkologen nicht möglich ist. So wird das “Serviceangebot” einer Praxis ergänzt.

Heiko: Das klingt doch nach dem perfekten Arbeitsplatz für eine blinde Frau. Deine Behinderung ist hier kein Hindernis, sondern geradezu die Qualifikation. Warum konntest Du dennoch die Ausbildung noch nicht beginnen? Legen Dir Behörden Steine in den Weg?

Janine: Genau richtig! Hier ist die Blindheit “Bedingung”. Eine Zeitung fasste dies mal in der Schlagzeile “Die Behinderung zur Stärke machen” zusammen. Ich hätte die Ausbildung schon am 01.02. begonnen, aber die Agentur für arbeit wollte mich erst durch das ganze Procedere (Psychologisches Gutachten) schleusen, um zu sehen, ob ich eine sog. “Rehabilitantin” bin. Hierbei sollte festgestellt werden ob ich für eine Ausbildung geeignet bin, und ob bei mir eine drohende psychische Behinderung vorläge, denn eigentlich sind Rehabilitanten Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Alerdings wurden auch schon Menschen mit Behinderung zu Rehabilitanten gemacht, weil es in diesem Gesetz bzw. in dem Antrag, den man stellen muss, einen Passus auf “Teilhabe am Arbeitsleben” gibt. Dieser Status wurde mir leider noch nicht gegeben, weil ich ja geburtsblind bin und meine psychische Verfassung zu gut ist. Wäre sie es aber nicht, würde man mir die Ausbildung aus genau dem Grund verweigern, da man mir und den Patienten sonst den Umgang nicht zumuten könnte, was ja auch verständlich ist. Wer möchte sich schon von wem “behandeln” lassen, der depressiv ist? Ich verstehe es nur nicht, dass man bei einigen blinden Menschen den Reha-Status erreichen konnte, weil eben in diesen Fällen der Arbeitsmarkt die Hauptargumentation darstellte. Das ist bei mir auch so, seit 4 Jahren versuche ich, eine Arbeit als Sozialpädagogin zu finden und es klappt nicht. Die Arbeitslosenquote bei blinden Menschen liegt bei 70%, bei der reinen Frauenstatistik sogar noch höher. Ich bin blind und ich bin Frau, habe im Januar eine Arbeitserprobung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) im Berufsförderungswerk Mainz bestanden. Es ist keine utopische Fortbildung, bei der man nicht weiß, welche Erfolge sie bringt, da es norddeutschlandweit nur eine MTU gibt, ich wäre die zweite, hätte also sehr reale Jobchancen. Durch die vorläufige Ablehnung verzögert sich alles, ich hätte sonst am 01.08.10 beginnen können, wäre ende Mai nächsten Jahres in Arbeit, also nicht mehr in der Statistik der Agentur, und ich hätte eine Aufgabe. Auch würden Kosten durch die Zahlung des Arbeitslosengeldes gespart, auch wenn die Ausbildung auf den ersten Blick sehr viel kostet.

Heiko: Was wünscht Du Dir, für Deine berufliche Zukunft im Speziellen und für den Umgang zwischen blinden und sehenden Menschen im Allgemeinen?

Janine: Hm von den Arbeitgebern mehr Mut dazu, es mit behinderten menschen mal auszuprobieren, da wir oft mehr können als uns zugetraut wird. Für meine persönliche Zukunft wünsche ich mir sehr, MTU zu werden, da ich gemerkt habe, dass mir die Tätigkeit sehr großen Spaß macht und auch noch sinnvoll ist, ich könnte vielen Frauen helfen, da gut ausgebildete MTU’s schon sehr kleine Auffälligkeiten ertasten können. Hm, für den Umgang blinder und Sehender im allgemeinen wünsche ich mir einfach mehr Selbstverständlichkeit von beiden Seiten: Weniger Schüchternheit bei Sehenden, und weniger hm “Erwartungshaltung” bei vielen Blinden (Die Sehenden müssen schon auf mich zukommen!) Ich glaube, wenn alle Seiten mitmachen, ist erst eine Integration möglich.

Blind = Arbeitslos

Blind bedeutet arbeitslos – zumindest meistens. Von den rund 150.000 blinden Menschen in Deutschland sind lediglich 15.000 in einem regulären Arbeitsverhältnis. Von denjenigen im berufsfähigen Alter sind das gerade knapp 30 prozent. Hiervon wiederum kommen die allerwenigsten in der freien Wirtschaft unter. Stattdessen arbeiten 90 prozent von ihnen in Verwaltungen oder gemeinnützigen Organisationen.

Es ist sehr ernüchternd als Blinder auf Jobsuche zu sein. In der Regel trifft man bei den Arbeitsagenturen auf überforderte und ratlose Berater. Freimütig sagte mir ein Jobvermittler, dass heutzutage blinde Menschen nach einem Eingliederungspraktikum kaum noch in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen würden. Und wenn, dann würden sich die Arbeitgeber die ersten Beschäftigungsjahre von der Agentur subventionieren lassen. Sprich: die Agentur übernimmt bis zu 70 prozent der Lohnkosten. Nach zwei Jahren der Förderung säßen viele Betroffene dann wieder auf der Straße.

Dennoch ist die finanzielle Förderung vom Staat ein wichtiges Mittel, um überhaupt noch Arbeit für Behinderte zu ermöglichen. Denn immerhin ist der Lohnzuschuss an eine tarifliche Bezahlung gekoppelt. Davon träumen viele blinde Menschen. Ihr Alltag sind befristete Ein-Euro-Jobs, sinnlose Bewerbungstrainings und die frustrierende Dauersuche.

Die Oberhessische Presse schildert in ihrer heutigen Ausgabe zwei typische Fälle. Da ist zum einen der 21jährige Marco, der in diesem Jahr sein Fachabi in Marburg macht: “Wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, scheut er keine Kosten und Mühen. „Ich will schließlich unbedingt einen Ausbildungsplatz haben“, betont er. So steige er in die Bahn und fahre quer durch Deutschland, wenn es sein müsse.Gebracht hat es ihm bisher nichts. „Die Deutsche Bank, die Sparkasse, die Hypo Vereinsbank und die Spardabank haben mir abgesagt, teilweise sogar ohne weitere Begründung“, sagt er empört. Von der Commerzbank, an die er nach seinem Praktikum eine Bewerbung schickte, habe er nichts mehr gehört. „Dabei kann ich genauso arbeiten wie ein Sehender“, ist er sich sicher.”

Und dann ist da Katharina, 36 und promovierte Germanistin. Sie sagte der Oberhessischen Presse: “„Seit
drei Jahren suche ich nach einer Festanstellung.” Im vergangenen Jahr habe sie rund 120 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. “Da kommt man irgendwann nicht umhin zu glauben, dass das an der Behinderung liegt”.

Blindheit bedeutet nicht selten soziale Isolation. Kommt dann noch Arbeitslosigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen dazu, ist das für den Einzelnen entmutigend und für die deutsche Gesellschaft ein Armutszeugnis.