Perspektiven (15): Leukämie, Obdachlosigkeit, Sex und Behinderung

Ein ergreifendes Stück Journalismus ist dem Welt-Redakteur Erwin Koch gelungen. Minutiös, grausam minutiös, beschreibt er den Leukämie-Tod der 14jährigen Sarah – Medizinisch, psychologisch, alltäglich:

Eine Pflegerin kommt ins Haus, drückt das Mittel in den Portacath, der in Sarahs Brust steckt, viermal in der Woche, Sarah liegt auf dem Sofa, weiß und haarlos, der Bauch tut weh, sie isst kaum, Verbotene Liebe, Marienhof, Sarah schläft weg, erwacht, hau ab, du dumme Kuh, lass mich in Ruhe, blöder Oberdepri.

Die Kinderkrebshilfe schenkt Sarah zweihundert Franken. Sarah bestellt zwei Blumensträuße, einen für den Vater, einen für die Mutter, Gutscheine für die Schwester. An Sarahs Rücken, Gesäß und Hüfte leuchten rote Streifen, kein Grund zur Sorge, sagen die Ärzte, nicht ungewöhnlich, erhebliche Hyperammonämie, zu viel Ammoniak im Blut, leichte Nebenniereninsuffizienz.

Der Vater, Finanzfachmann, geht täglich zur Arbeit, er weint heimlich, kommt abends wieder und schweigt, hält sich fest am Glück der ersten Jahre, als er Sarah im Tragtuch hatte, als Sarah, umgeben von zehn Schnullern, im Bettchen schlief und erwachte, sobald er das Zimmer verließ, als er, noch kein Jahr her, mit Sarah am Rand des Grand Canyon stand, er und Sarah, seine Älteste, sprachlos im Licht der aufgehenden Sonne.

Der Journalist Daniel Bröckerhoff preist in seinem Blog einmal mehr das Internet, weil hier die Gesichtslosen ein Gesicht bekommen – zum Beispiel der Obdachlose Max Bryan auf dessen Facebook-Seite:

Denn Max Bryan erzählt nicht nur von sich und seiner harten Lebensgeschichte, sondern auch von anderen, denen er begegnet ist. Von dem Mann, dessen Wohnung abbrannte, während er mit Schlaganfall im Krankenhaus lag. Von dem Mann ohne Beine, der lieber draussen lebt, als seiner Familie zur Last zu fallen. Früher wären diese Geschichten unerzählt geblieben. Und Max Bryan hätte die Episode seines Lebens, in der er zwanghaft in seiner Wohnung die Welt geordnet hat, höchstens einem Psychologen berichten können. Jetzt kann er sich der Welt mitteilen, so lange und so ausführlich, wie er will. (…) Das verdanken wir dem Internet. Für mich einer der besten Gründe, warum diese technische Errungenschaft so schützenswert ist.

Behinderung und Sexualität – das ist immer noch ein Tabu. Sarah Ehrmann trägt mit ihrem lesenswerten SZ-Artikel zur Enttabuisierung bei und lässt u. A. Menschen mit Behinderung zu Wort kommen:

“Scheußlich” sei es bei ihm gewesen, sagt Vernaldi über seinen ersten Bordellbesuch. Die Blicke. Die Frauen, die sagten, sie gingen nicht mit einem Behinderten mit. Die eine, die dann mechanisch ihr Programm abspulte, das Vernaldi schließlich abbrach. Und doch ging er wieder hin. “Typische Midlife-Crisis”, sagt er. Damals ärgerte er sich darüber, dass Prostituierte es sich doppelt bezahlen ließen, mit ihm als Körperbehinderten aufs Zimmer zu gehen und ihn dann mit Streicheln abspeisen wollten, obwohl er nach normalem Geschlechtsverkehr gefragt hatte.

Vernaldi ist ein klugerGesprächspartner, ein guter Zuhörer. Und so lud er irgendwann einfach ein, um zu reden – Menschen mit Behinderung, Prostituierte und Sozialarbeiter der Hurenorganisation Hydra. Sie redeten lange. Stellten fest, dass der Austausch fehlte, Wünsche mit Vorurteilen kollidierten. Vernaldi gründete Sexybilities, eine Initiative der Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen.

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg via Twitter.

Über Heiko Kunert

Heiko Kunert (37) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.
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