Dessous-Werbung und Diskriminierung: Haltlose Kritik

Eine junge Frau räkelt sich genussvoll in Dessous, während sie sie anzieht. Sie streicht über den fast durchsichtigen, schwarzen Stoff, lächelt verträumt, zieht BH, Slip, Strümpfe und Strapse an. Dann setzt sie – jetzt auch mit Rock und Blazer bekleidet – eine Sonnenbrille auf und tritt, lasziv lächelnd, mit Blindenstock auf die Straße. Die Frau in dem Spot entpuppt sich als blind. Werbeslogan: Sinnlichkeit, die man fühlt.

So beschreibt Handelsblatt.com den Werbespot, den Sie hier anschauen können:

Der Handelsblatt-Artikel zitiert Gerhard Höllerer, seines Zeichens Präsident des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (ÖBSV): „In der TV-Kampagne wird ein völlig verdrehtes, unrealistisches und damit diskriminierendes Bild über blinde Menschen erzeugt, nur um in die Schlagzeilen zu kommen, nicht um den Betroffenen zu helfen.”

Hier muss ich als blinder Mensch widersprechen. Dieser Spot hat mit der – in unserer Gesellschaft leider immer noch vorhandenen – Diskriminierung Blinder nichts zu tun. Im Gegenteil: Der Überraschunseffekt stellt sogar die weit verbreitet angenommene Unvereinbarkeit von Behinderung und sinnlicher Schönheit in Frage. Was spricht dagegen, Blindheit in einer Dessous-Werbung zu zeigen? Sicherlich kann man ganz grundlegend das Frauenbild in Werbung und TV kritisieren, was sich aber nicht primär am konkreten Fall festmachen lässt. Dass hier ein völlig verdrehtes, unrealistisches und damit diskriminierendes Bild über blinde Menschen erzeugt werde, nur um in die Schlagzeilen zu kommen, halte ich für eine Fehleinschätzung. In die Schlagzeilen möchte hier wohl eher der ÖBSV-Präsident.

Was denken Sie? Ist Palmers Dessous-Kampagne sexistisch und diskriminierend?

Nachtrag (17.11.11): Inzwischen gibt es auch eine Hörfilm-Fassung des Spots für blinde Menschen:

Nachtrag II (21.11.11): Der ÖBSV hat die entsprechende Meldung inzwischen von seiner Homepage entfernt.

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Über Heiko Kunert

Heiko Kunert (37) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.
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23 Antworten zu Dessous-Werbung und Diskriminierung: Haltlose Kritik

  1. Dominique Neuenhagen schreibt:

    Mir gefällt die Idee des Spots und die Kritik daran kann ich nicht nachvollziehen.
    Den einzigen Kritikpunkt, den ich anbringen könnte wäre der, dass der Spot mit einem Klischee arbeitet, mit dem ich mich als Blinde oft genug herumschlagen muss: Blinde fühlen Dinge anders/besser als Sehende. Da Klischees allerdings ein Hauptarbeitsmittel der Werbung darstellen, geht auch dieser Vorwurf ins leere.
    Diskriminierend finde ich weniger den Werbespot, als viel mehr Höllerers Kritik daran. Darf ich als Blinde nicht etwas tragen, das sich angenehm anfühlt und ja, meinetwegen auch sexy ist? Der Spot vermittelt meiner Ansicht nach nur, dass eine blinde Frau etwas tut, das jede sehende Frau ebenfalls tun kann, wenn sie es möchte. Was ist an dieser Aussage diskriminierend?
    Auch die im Artikel erwähnte Aussage, der Spot zeige ein unrealistisches Bild von Blinden, da viele von uns am Rande der Armutsgrenze leben und sich derartige Kleidung nicht leisten können, ist für mich als Kritik an diesem Spot nicht stichhaltig. Sicher entspricht es der Realität, dass viele von uns mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Für viele Sehende gilt das allerdings auch. Somit ist jede Werbung, wenn man dieses Argument weiterführt, diskriminierend.
    Was mir an Höllerers Reaktion auf den Werbespot wirklich Sorgen macht, ist, dass er Blinden damit sehr schadet: Es entsteht der Eindruck, dass sich Werbungnst und ähnliche Ausdrucksformen mit uns besser nicht erst auseinandersetzen sollten. Denn jeder, der das versucht, muss befürchten, sich dem Vorwurf der Diskriminierung ausgesetzt zu sehen. Die von vielen von uns gewünschte Integration in die Gesellschaft kann auf diese Weise nicht stattfinden.

  2. Higanbana schreibt:

    Ich finde jetzt eigentlich nicht, dass die blinde Frau dort so niedergemacht wird. Im Gegenteil, sexy, huebsch, modebewusst, alles Sachen, die man so spontan nicht mit Blinden in Verbindung bringen wuerde und wo man unbewusst versucht ist, es ihnen voellig abzusprechen. Wenn ich meinen kleinen blinden Freund sehe, dann scheint fuer dieses Vorurteil sogar ein Grund da zu sein: Seine blinden Schulfreunde sehen so etwas auch nicht, die Schule und die Gesellschaft halten ihn von der sehenden Welt fern, schraege oder bewundernde Blicke andere sieht er nicht, warum sollte man also auch irgendwie auf sein Aussehen oder sein Verhalten achten? Und auch wenn die Gedankengaenge der Werbespotmacher sicherlich andere waren, so zeigen sie trotzdem (ungewollt?), dass diese Gleichgueltigkeit nicht unbedingt bei allen Blinden vorhanden sein muss. Ich finde es toll, wenn sich Blinde trotz dieser Einschraenkungen fuer sie nicht sichtbare aeussere Erscheinungen interessieren und sich z.B. schminken und sich ueber die Zusammenstellung ihrer Kleidung und Accessoirs Gedanken machen und das geniessen koennen oder wollen. Vom praktischen Standpunkt her gesehen, frage ich mich nur, mit welchen Tricks oder Techniken sie das machen oder ob man sich bei Mode wirklich immer nur auf andere verlassenmuss.

  3. A.R. schreibt:

    “Blindheit wird in diesem Werbespot auf sexistische Art und Weise dazu missbraucht, um den Verkauf von Produkten anzukurbeln”, erklärt Mag. Gerhard Höllerer, Präsident der ÖBSV-Dachorganisation, der selbst blind ist.

    das kann ich als Sehender nicht nachvollziehen. Gezeigt wird eine schöne Frau der man ansieht, dass sie sich auch selbst als attraktiv wahrnimmt. Da sie blind ist kommt eine besondere Aussage zustande: Schönheit ist ein Gefühl; also noch etwas anderes als der Blick von außen, von einem anderen. Und in Bezug auf die beworbenen Dessous könnte die Werbebotschaft dann lauten: die kauft frau für sich selbst, weil sie sich schön fühlt. Was ist daran sexistisch?

  4. Bogdan Isabel schreibt:

    Einer Dessous-Werbung vorzuwerfen, sie sei sexistisch, ist ja fast schon niedlich. Hallo? Bei Dessous geht es doch gerade um Sexiness. Natürlich ist die Werbung da sexy; sexy ist aber nicht gleich sexistisch.
    Zweitens: “nicht, um den Betroffenen zu helfen”. Äh, nein, natürlich nicht. Wie sollte Dessouswerbung auch den Zweck haben, Blinden zu helfen? Was für ein Unsinn.
    Und schließlich finde ich auch, genau was Du sagst, Heiko, wieso soll es diskriminierend sein, eine blinde Frau als schön, sexy, begehrenswert darzustellen? Es ist doch eher entlarvend für uns Sehende, dass wir erstmal denken: “wow, sexy”, und dann als zweites merken: “oh, blind”. Und uns dann ein bisschen erwischt fühlen, weil man “sexy” und “behindert” meistens nicht zusammen denkt. In sofern hilft es vielleicht tatsächlich sogar doch. Zumindest hat man kurz gestutzt und nachgedacht.

  5. Biograf schreibt:

    Natürlich wird dieser Spot aus einer bestimmten Ecke sofort mit dem Etikett “sexistisch” versehen. Wenn immer mit dem Körper einer Frau geworben wird, scheint das inzwischen unvermeidlich. Ob die Frau blind ist, spielt dabei keine Rolle.
    Als Sehender gefällt mir, dass hier das Rollenklischee, das Blinden immer noch anhaftet, spielerisch durchbrochen wird. Damit ist es dann fast schon aufklärerisch – sofern ein Werbespot das überhaupt sein kann.

  6. Andrea schreibt:

    Ich finde den Spot gut gemacht – ich bin eine Frau ohne Modelmaße, und ich könnte stundenlang über das Frauenbild in Werbung und Medien diskutieren. Ich könnte auch bei diesem Spot die Stirn runzeln und sagen, dass mir das Frauenbild nicht gefällt. Ich kann mich aber auch einfach über die gezeigte Schönheit freuen. Und vor allem kann ich es gut finden, und ich finde es auch gut, dass die Behinderung einfach so beiläufig ein Thema ist. Die Frau wird nicht auf ihre Blindheit reduziert, ganz im Gegenteil, man erfährt das erst am Schluss. Vorher ist sie einfach eine hübsche Frau mit toller Unterwäsche. Und ist das nicht genau das, worauf es ankommen sollte? Egal, ob ich sehen kann oder nicht, ob ich jung und schlank bin oder nicht, ich mag schöne Wäsche tragen, und kann das auch tun. Sicher gibt es viele ältere Blinde und auch nicht so hübsche Menschen mit Sehbehinderung, und es gibt auch Blinde, die sich die beworbenen Produkte nicht leisten können, aber darin unterscheiden sich blinde Menschen nicht von sehenden Menschen, denn da gibt es das ja auch alles.

    Wenn Inklusion gelingen soll, wenn wir also auch Blinden und Sehbehinderten ganz normal begegnen wollen, in der Gesellschaft und in den Medien, dann ist das doch ein Schritt in diese Richtung. Perfekt wäre es gewesen, den Spot mit einer blinden Frau zu drehen, aber man kann halt nicht alles haben. ;-)

    Ich kann die Aufregung wirklich nicht nachvollziehen. Aber vielleicht bin ich ja auch nicht die Zielgruppe?

  7. Johanna schreibt:

    Gerade eben habe ich den Artikel entdeckt – und er passt perfekt auf etwas, was ich heute erlebt habe – aus einer komplett anderen Perspektive. Meine spontane Reaktion: Wut über eine so stigmatisierende Äußerung Höllerers. … Natürlich wird die Blindheit in diesem Werbespot missbraucht .. so funktioniert Werbung. Ein Thema, was aus der Sicht der Agentur spannend genug ist, um auf das Produkt aufmerksam zu machen, wird für Werbezwecke “missbraucht”. Wie schrecklich! Ich kann Ihnen / Euch nur zustimmen und mich Dir, Bogdan, voll anschließen: Wenn überhaupt, dann konfrontiert die Werbung Sehende mit deren evtl vorhandenen Vorurteilen. Der Spot transportiert ganz beiläufig und verspielt die Aussage blind = schön. Wer weiß, vielleicht steckt hinter der Werbung selbst ein kreativer blinder Kopf? In diesem Fall sind die Lacher sicherlich nicht auf der Seite Höllerers. ;) … Mir ist heute Ähnliches passiert. In einer Fortbildung zur Einführung einer Software im Bildungsbereich erzählte der Referent eine Anekdote aus seinem Aufenthalt in Litauen und über die Selbstverständlichkeit, mit der wir im deutschsprachigen Raum davon ausgehen, Filme auf deutsch zu sehen. Er erzählte, er habe nur zwei TV-Programme in der Landessprache im Hotelzimmer empfangen. Eines sei ein Modekanal gewesen. Und während seines Aufenthalts sei ihm aufgefallen, dass Mode dort wohl eine sehr große Rolle spiele (maybe, ich habe keine Ahnung … – aber um die Thematik bisher geht es mir auch nicht, ich brauchte den Spannungsbogen für den Satz, der jetzt kommt …) – er sagte dann: “Ich habe sogar eine Frau im Rollstuhl gesehen, die trug soooooh hohe Absätze!” …

    Ich habe mich zurück gehalten und ärgere mich nun ein wenig darüber. Ich als Rheumatikerin bin früher häufiger Mädels begegnet, die im Rollstuhl saßen und – natürlich – wunderschöne Kleidung trugen. Inclusive Schuhe. Das Schlimmste daran ist aber: Dieser Mann war in seiner Rolle als Mensch, der mit Behinderten arbeitet, unterwegs – und ich schätze seinen Spruch als auf gar keinen Fall abwertend gemeint ein. Er hat einfach nicht nachgedacht. Und das zeigt mir: Wie sehen dann erst die Gedanken derjenigen aus, die sich mit Themen wie Behinderung etc eher schwer tun? Und in diesem Sinne – prima, die Werbung! Ich teile ja sonst nie … diesmal muss es allerdings sein. – Ich wünsche einen schönen Abend! J.

  8. Ute schreibt:

    Völlig verdreht und unrealistisch? Das heißt also, blinde Frauen sind unerotisch, laufen nur in Feinripp herum und haben keine Freude an Sinnlichkeit?

    ROTFL! Wessen Bild von Blinden ist hier unrealistisch, frage ich mich? Ist ja zum Schieflachen! *g*

  9. Kiki schreibt:

    Ich finde, die Kritik zeigt nur eines: Daß Menschen sehr verschieden sind und denken und sich glücklichweise nicht zuerst und ausschliesslich über ihre äußerlichen Merkmale definieren bzw. über einen gemeinsamen Kamm scheren lassen. Es gibt Blinde, die sich durch den Spot angegriffen fühlen und solche, die ihn klasse finden oder auch gar keine Meinung dazu haben und genauso ist es wohl auch bei Sehenden. Sollte das nicht so sein?

  10. Ema schreibt:

    “Blinde” Graue Maus trägt Dessous und muss sich deswegen dauernd streicheln.
    Schönes plattes Klischee Marke: Auch Blinde sind erotisch. Aber nur in Dessous!

  11. Ema schreibt:

    Stellt sich noch die Frage: Was ist der Fetisch diesr Werbung? Die Dessous oder die Blinde?

  12. Irene schreibt:

    Schon lustig, dass das Argument, Werbung nutze irgendwen oder irgendwas aus, immer nur bei provokanter Werbung kommt. Aber auch biedere Rama-Werbung nutzt z.B. Gefühle und Familienbilder aus. Mir gefällt der Palmers-Spot, bzw. die Idee dahinter.

    Der Papst fühlt sich aus aktuellem Anlass auch vom bösen Kommerz ausgebeutet – Benetton hat wieder zugeschlagen:
    http://www.fr-online.de/panorama/werbekampagne-benetton-laesst-den-papst-knutschen,1472782,11160436.html

    Ich mag ja Benetton-Werbung.

  13. Esther schreibt:

    Hallo,
    hab mir auch mal den Spot angesehen und frage mich, was daran diskriminierend sein soll. Der Focus ist dort ja auf die schicken Dessous gerichtet und nicht auf die Behinderung. Der Plot in dem Werbespot ist ja grade, das sie sich am Ende die Brille aufsetzt, ihren Stock greift und selbstbewußt zur Tür hinausspaziert. Dort wird spielerisch mit dem Thema Behinderung umgegangen statt völlig verkrampft. Warum sollten ein gepflegtes Äußeres und Behinderung einander ausschließen, außer natürlich der finanzielle Aspekt- dem aber auch sogenannte “Normalos” unterworfen sind? Nicht jeder “Normalo” rennt in Gucci und Armani herum, nicht jeder Behinderte in Kleidung vom Discounter. Und warum sollten sich Behinderung, Erotik und Sexualität ausschließen? Behinderte sind keine sexuell neutralen Nichtwesen, sondern Menschen mit ganz normalen,individuellen Sehnsüchten,Vorlieben und Neigungen wie jeder andere auch.Und sind auch genauso anziehend oder abstoßend wie jeder andere auch. Warum sollen sie das nicht auch zeigen dürfen? Warum sollte eine Frau im Rollstuhl keine High Heels anziehen? Ist doch immer alles eine Frage des Selbstwertgefühls/bewußtseins, des persönlichen Geschmacks und -natürlich- des Geldbeutels.
    Und warum nicht auch mal ein Webespot für irgendein Duftwässerchen,Deodorant,Kleidung usw wo ein behinderter Mann sich ansprechend und geschmackvoll rumräkelt? Es ginge ja um das Produkt,nicht um die Behinderung.Hätte ich kein Problem damit,aber wohl der eine oder andere Behindertenverband, der lauthals danach brüllt normal behandelt zu werden und selbst contraproduktiv genau dem entgegenwirkt, wie dieser österreichische Erbsenzähler.

  14. Christinchen schreibt:

    Kann es sein das Nichtbehinderte viel häufiger Probleme damit haben, wenn man mit Behinderung ganz normal um geht? Warum sollte es verwerflich sein, wenn man einem Menschen der ein besonders Merkmal hat, für einen Werbespot benutzt? Macht man das nicht auch mit Sportlern oder Promis? Alle Welt reden von Integration und Inklusion. Wenn diese Integration zur Inklusion wird und die Medien daran beteiligt sind ist das ganze gleich verwerflich. Wir müssen lerne unsere alten Ängste ab zu bauen und dürfen das Thema Behinderung nicht weiter tabuisieren. Ich finde diesen Sport klasse und wünsche mir das in Zukunft noch viel mehr Behinderte sich trauen, zu ihrer Behinderung zu stehen.
    Christinchen

  15. Domingos schreibt:

    Dem kann ich nur zustimmen. Diskriminierend wäre es, wenn Blinde – und andere Behinderte – gar nicht im Fernsehen vorkommen. Was ja praktisch der Fall ist;-) Diskriminierend wäre auch, wenn da irgendwelche 0-8-15-Klischees bedient werden, was ich in dem Werbefilm auch nicht hören kann.

  16. Susanne Aatz schreibt:

    Ich habe 10 Jahre lang als Peer Counselorin Sexualberatung gemacht. Ich beklage, dass der viel diskutierte und geforderte Paradigmenwechsel hin zur selbstbestimmten gleichberechtigten Teilhabe auch in diesem Bereich eigentlich nur in Sonntagsreden stattfindet. Warum haben behinderte Menschen nicht das Recht auch im Rahmen des Mainstreams Normalität zu leben? Das ist es doch was wir anstreben? Selbstbestimmung beinhaltet auch das! Behinderte Menschen sollten untereinander nicht zu große soziale Kontrolle dahingehend ausüben, dass Fraktionszwang entscheidet, welche Form ausgeübter Selbstbestimmung opportun ist. Warum haben wir Angst vor der Normalität, die wir so lange fordern? In diesem Spot wird eine Frau gezeigt, die sich in ihrer Haut wohl fühlt. Sie dokumentiert, dass behinderte Frauen selbstverständlich und normal aus der Opferrolle heraustreten und dies nicht nur über politische Forderungen oder Sondersendungen, sondern alltäglich und selbstverständlich tun! Endlich ist Erotik und Sexualtitä, Sinnlichkeit und Romantik keine Therapie in Schutzräumen mehr! Super! Bitte mehr davon! Der Spot ist die pure Lebensbejahung! Er gefällt mir sehr!

  17. alexandra schreibt:

    Wenn ich den Plot – dass die Frau blind ist – aus der Argumentation streiche – dann bleibt für mich eine sexistische Bildsprache übrig. Nicht mehr und nicht weniger. Dass Menschen darüber überrascht sind, dass blinde Menschen “auch sexy und sinnlich” sein können ist dann noch eine doppelte Peinlichkeit. So sehe ich das.

  18. Pingback: Die Diskriminierungsfalle » Inklusion, Mode, Sinnlichkeit, Werbung, Gesellschaft, Erotik » Mein Wa(h)renhaus

  19. Johannes Willenberg schreibt:

    Hat noch jemand Zweifel daran, dass nicht nur Menschen ohne Behinderung der Inklusion im Weg stehen?
    Also, wenn es das Weltbild aller Menschen, die Herrn Höllerers Kritik von der blindenfeindlichen realitätsfremden Dessouswerbung teilen, wieder gerade rückt: Ich wäre bereit in einer Werbung mitzuwirken, in der ein dicker blinder alter Mann mit einem No-Name-Scheurpulver die Badewanne in einer Sozialwohnung reinigt. Auch wenn das blinden Männer tatsächlich nicht helfen würde. Was wenn sich herum spräche, dass wir doch in der Lage sind, im Haushalt mitzuhelfen?

    Der einzige kleine Wermutstropfen an der toll gemachten Dessouswerbung ist für mich, dass man ihn natürlich wirklich mit einem blinden Model hätte drehen können. Aber so selbstverständlich ist die inklusive Wertschätzung der individuellen Persönlichkeit von Menschen in jeder Lebenssituation auch bei den Werbeagenturen dann wohl doch noch nicht. Immer hin: besser einen kleinen Schritt als gar keinen.

  20. Andreas Mangelsdorf schreibt:

    Was soll man zu den Ösis, oder zu mindest zum ÖBSV noch sagen. Ich finde es immer wieder lustig und überraschend, dass wir Behinderten es doch so oft selbst sind, die einer Gleichberechtigung im Alltag uns im Wege stehen. Welch verstaubte Ansicht hat denn der ÖBSV oder vielleichth ein Teil des Vorstandes? Blinde Frauen sitzen, die Beine zusammen gekniffen auf dem Hocker vorm Klavier, tragen nen Trainingsanzug aus Großmutters Kleiderschrank und haben in ihrem Leben maximal den Besenstiel als Ersatz des männlichen Genitals im Rahmen des Biologieunterrichts in der Hand gehabt? Ja, es ist sicher ein Klischee das blinde Menschen besser fühlen, aber ist es das wirklich oder entspricht es der Tatsache? Ich finde die Erklärung der Marketingleiterin die im Artikel von rollingplanet.net zitiert wird echt super, sie sagt sinngemäß, dass blinde Menschen sich bei der Wahl ihrer Kleidung eben auf das Gefühl verlassen müssen und so die Idee entstand, den Spott, wo die Firma auf das weiche Gefühl der Wäsche aufmerksam machen wollte, mit einer blinden Frau zu drehn. Ich stelle mir eher die Frage, ob die Kritik die vom ÖBSV, die ja sogar mit einer Anzeige beim Werberatt Österreichs untermauert werden soll, die eigentliche Diskriminierung ist. Was solls, ich finde die Idee einen Werbespott mit audiodeskribtion zu gestalten mal ganz witzig und möchte mehr davon. Hat sich der DBSV mal wirklich dazu geäußert?

  21. Michael Russ schreibt:

    Mich überrascht ein bisschen, dass es fast niemanden der Postenden stört, dass das Model im Spot gar nicht wirklich blind ist. “Leider konnte kein passendes blindes Model gefunden werden!” Da fehlt es dann doch recht kräftig im Selbstverständnis von Werbeindustrie und Palmers.

  22. Wolf Schweitzer schreibt:

    Unsere Gesellschaft ueberaltert derzeit auch deswegen, weil ein gesundes und durchaus sexistisch triefendes gegengeschlechtliches Miteinander derzeit angeekelt weggestrichen wird, wohin man auch schaut, Machen wir uns aber nichts vor – auch der Geburt des allerpruedesten Behindertenverbandspraesidenten ging stets etwa 9 Monate vorher hoffentlich lustvoll schleimige Rammelei, hoffentlich geziert durch Unterwaesche im Vorspeil, voraus. Da kann sich keiner aus der Pflicht nehmen, denn das ist seine ureigene Herkunft. Also ein BISSCHEN genussvolle Einseitigkeit in der Geschlechtsdarstellung hat noch keinem geschadet, der auch in ein paar Jahren drauf hoffen will, dass ihm die junge Generation die Rente zahlt. Da haette ich statt Lustlosigkeit eher angesichts schwindender Renditen erwartet: MEHR!! nicht: weniger. Soviel zur Rationalitaet hinter angeblich sexistischen Bildgefuegen.

    Was das Blindsein angeht, so mag es da und hier im Weg sein, mir ist meine Behinderung auch da und hier im Weg. Ich bin sehr stark kurzsichtig und ohne Sehkorrektur “legal blind” – hatte aber immer das Gefuehl, ich haette auch das Recht, beim allgemeinen Lebensgefuehl mitmachen zu duerfen. Also, ich, ich hatte das Gefuehl. Dass sogenannt Nichtbehinderte manchmal finden, eine Behinderter stoert sie visuell beim Wohlfuehlen, das ist wieder was anderes. Aber aus Sicht eines Menschen mit Einschraenkung finde ichs eine absolut harmlose witzige Werbung, ueber die man ruhig mal lachen darf.

    Zuletzt ist zu sagen, dass unsere Gesellschaft dauernd nur streng ist. Locker sein macht arg Muehe. Da wird das mentale Korsett zugeschraubt wo es nur geht. Wenn alte Leute langsam schlecht sehen oder erblinden, sollte man es sportlich angehen und Wege finden, damit umzugehen – dagegen vermittelt die Gesellschaft das Gefuehl, da geht nix mehr und was wunder fallen viele in eine tiefe Depression oder nehmen sich das Leben. Bei Gliedmassenverlust ist es ja dasselbe, sowie bei anderen permanenten Einschraenkungen – da erwarten andere und sagten es mir sogar, es waere opportun, sich das Leben zu nehmen. Das ist die Denke, die ich wirklich bedenklich finde und die gar nicht geht. Also, GAR nicht. Gemessen an gesamtgesellschaftlichen Erwaegungen ist so eine durchaus harmlose Werbung, wo man am Ende belustigt kichern darf, genau das richtige Zeitzeichen. Die andern hingegen, die habens nicht begriffen.

    Und irgendwann realisieren die Werbefritzen sicher, dass man Models gleich echt blind buchen kann. Bis dann aber wird es noch ein paar Jahrzehnte gehen ; )

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