Nach der Bestrahlung: “Heiko, wie geht’s Dir?”

„Heiko, wie geht’s Dir?“, fragen mich Freunde, Bekannte und Angehörige. Eine einfache Antwort gibt es da eigentlich nicht.

Klar, es geht mir körperlich deutlich besser als kurz nach meiner Operation. Auch gibt es immer häufiger Tage relativer Leichtigkeit – bei einem sonnigen Spaziergang mit Anna an der Elbe, bei einem guten Essen oder einem lustigen Gespräch mit Freunden. Aber gut ist anders.

Was ist seit meinem letzten Blogpost passiert?

Vor allem wurde ich bestrahlt. 28 Termine, verteilt auf sechs Wochen. Heißt: Jeden Werktag – zweimal auch an einem Sonntag – mit dem Taxi ins Universitätsklinikum Eppendorf, zur Tomotherapie, in einen kalten Raum mit Hightech-Gerät. Über das Bestrahlungsgerät, das in meinem Fall genutzt wurde, heißt es auf der UKE-Homepage:

Das Bestrahlungsgerät ist eine Fusion aus einem Linearbeschleuniger und einem Computertomographen. Hierdurch sind sowohl tägliche Kontrollen als auch sehr exakte Korrekturen der Bestrahlung möglich. Die aufwendige inverse Bestrahlungsplanung führt zu einer sehr guten Schonung der Risikoorgane. Diese bildgeführte Radiotherapie stellt weltweit eine der modernsten radioonkologischen Verfahren dar. Eingesetzt werden kann die TomoTherapy zur Behandlung vieler verschiedener Tumore. Hierzu gehören u.a. das Prostatakarzinom, Kopf-Hals-Tumore, Hirntumore und Lungenkarzinome. Außerdem erlaubt uns die TomoTherapy, zukünftig sehr komplexe Zielvolumina noch optimaler zu bestrahlen.

Und tatsächlich hielten sich die Nebenwirkungen bei mir in erträglichen Grenzen. Keine Hautreizungen, keine Übelkeit, lediglich müde war ich Phasenweise. Vor allem in den Tagen nach dem letzten Termin hab ich sehr viel geschlafen. Da kam sicherlich hinzu, dass sich meine seelische Anspannung mit Abschluss der Therapie etwas gelegt hat.

Neben der Strahlentherapie hatte ich noch ein paar Nachsorge-Untersuchungen – Blutabnahme, Ultraschall. Und sonst?

Sonst gehen die Wochen so ins Land. Bereits seit Anfang März bin ich krankgeschrieben, war ich nicht mehr auf der Arbeit, konnte ich nicht mehr bei meinem tollen Team im Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg sein. Von einem Tag auf den anderen war mein Alltag weg.

Der Körper heilt – langsam, aber stetig -, konnte ich Ende April höchstens eine Viertelstunde spazieren, sind es heute mehrere Stunden. Dennoch brauch ich danach deutlich länger als früher, um mich zu erholen. Auch sehr langes Konzentrieren ist manchmal fast schon körperlich anstrengend.

Da ist es doch ein Glück, dass seit einigen Monaten die Quizduell-App barrierefrei ist, so dass sie auch von blinden Menschen genutzt werden kann. Ich mache davon Gebrauch, muss ich mich doch nicht langanhaltend konzentrieren, aber das Gehirn bleibt dennoch gefordert. Also, wenn Sie mit mir ein bisschen Quizduell spielen möchten, mich tät’s freuen. Mein Spielername ist HeikoKunert.

Glücklicherweise kann ich inzwischen wieder alles essen, was mir schmeckt. Zunächst musste ich auf scharfes Essen, rohes Gemüse, Zwiebeln, fettiges Essen, Schokolade verzichten. Das geht nun alles wieder. Und ein leckeres Essen tut ja auch der Seele gut, zumal wenn man es mit guten Freunden verbringt…

Hörbücher begleiten mich durch die Zeit der Genesung. Seien es Brunetti-Krimis von Donna Leon, „Kapital“ von John Lanchester, Murakamis „Die Pilgerjahre des Farblosen Herrn Tazaki“, „Brennen muss Salem“ von Stephen King oder die Bibel. Für viele Genres ist gerade Zeit.

Und auch Musik ist mir ein wertvoller Begleiter in schwierigen Zeiten: Sei es, dass sie melancholische, nachdenkliche Phasen untermalt oder aber dass sie mich in die unbeschwerte, gute alte Zeit trägt oder aber beschwingt in die Zukunft blicken lässt. Meinen aktuellen Soundtrack können Sie übrigens nachhören, einfach auf meine Sternchen-Liste bei Spotify surfen und dort am besten auf „Zufällige Wiedergabe“ klicken – dann hören Sie sehr schöne Musik, finde ich.;-)

Und in der kommenden Woche beginnt meine Anschlussheilbehandlung, wie das so schön heißt. Und auch hierzu ist meine Gefühlslage ambivalent. Einerseits freue ich mich, dass es weiter geht, dass ich wieder fitter gemacht werden soll. Ich hoffe, dass mir Termine mit Physiotherapeuten, Psychologen und Sozialberatern helfen werden. Andererseits bin ich wieder in einer Einrichtung, einer Klinik, drei Wochen lang. Kann man sich darauf wirklich freuen? Immerhin ist die Klinik an der Ostsee – und das ist doch auch mal was…

Krankenbericht: Die Blase ist weg

Nun ist sie weg. Heute vor vier Wochen wurde meine Blase entfernt. Über sechs Stunden dauerte diese komplexe Operation. Danach plangemäß drei Tage Intensivstation. Drei Tage vor der Operation und fünf Tage danach gab es keine Feste Nahrung. Ich habe nicht unerheblich abgenommen. Anschließend gab’s zunächst nur Zwieback und Joghurt, danach Suppen, dann einige Tage lang nur püriertes Essen (selbst Fleisch oder Fisch waren püriert), und seit zwei Wochen genieße ich wieder festes Essen, wenngleich ich mich noch mehrere Monate vor zu schwerer Kost hüten soll.

Die Tage im Krankenhaus waren nicht ohne. Schmerzen hatte ich zwar kaum, nicht zuletzt weil ich mir jederzeit selbst Schmerzmittel per Knopfdruck direkt über einen Wirbelsäulen-Katheter zuführen konnte. Dennoch war die Phase mit Katheter im Rücken, Venenzugang im Hals und mehreren Schläuchen und Schienen im Bauch emotional ziemlich belastend.

Körperlich habe ich den Eingriff gut überstanden, so dass ich bereits 15 Tage danach wieder nach Hause konnte. Allein die innere Wundheilung dauert aber gut zwei Monate. Daher bin ich immer noch ziemlich geschwächt. Täglich erhöhe ich die Bewegungsdosis an der frischen Luft. Mit einigen Bankpausen habe ich es inzwischen durch den Stadtpark geschafft (Fußweg rund 45 Minuten) – danach war ich aber auch reif fürs Bett. Mir tut es auch gut, mal ein bisschen zu schreiben, mich am Rechner abzulenken, aber nach eineinhalb Stunden brauche ich auch erst einmal eine längere Pause.

Die Seele braucht deutlich länger als der Körper, befürchte ich. Zumal ja nicht nur der Verlust eines Organs und damit verbunden ein veränderter Alltag, eine neue Körperwahrnehmung verarbeitet werden müssen. Es geht ja leider noch weiter. So soll in zwei Wochen eine sechswöchige Bestrahlungsphase beginnen. Wenngleich Proben keinen Krebs im angrenzenden Gewebe und den Lymphen beinhaltet haben, so sei eine Bestrahlung dennoch geboten, um mögliche noch vorhandene Krebszellen zu vernichten. Und auch das Thema Chemotherapie ist noch nicht vom Tisch. Die Ärzte des Marienkrankenhauses raten mir nicht zwingend zu ihr, da insbesondere die Nebenwirkungen bei dieser Art der Chemotherapie nicht ohne seien. Sie sagen aber auch, dass das Risiko einer erneuten Erkrankung durch die Chemo um weitere 6% minimiert würde und ich letztlich entscheiden müsste, wie hoch mein Sicherheitsbedürfnis sei. Keine ganz leichte Entscheidung. Daher bin ich derzeit dabei, mir eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen.

Auch wenn – oder besser: weil – derzeit alles recht schwierig ist, habe ich mich sehr über den enormen Zuspruch der letzten Wochen gefreut. Zu nennen sind Hunderte ermutigende Kommentare auf Facebook, Twitter und hier im Blog, per E-Mail, Telefon, Post oder Krankenhausbesuch. Und wer sich da nicht alles gemeldet hat: alte Freunde, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, standen plötzlich an meinem Krankenbett, Familienangehörige kamen nach Hamburg, Freunde, Bekannte und Menschen, die ich nur über das Web kenne haben mir ermutigende Kommentare geschickt, Sozialpolitikerinnen und Pressesprecher schrieben mir Genesungsbriefe, Mitglieder und Mitarbeiter des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und der Aktion Mensch schickten mir Post und Mails… Jeder einzelne Wunsch, jeder einzelne Gruß tat unglaublich gut, gab mir und gibt mir Kraft. Ihnen und Euch ganz herzlichen Dank dafür!

Und ein ganz besonderer, ein ganz, ganz großer Dank gilt der bezaubernden Anna, die mir jeden Tag im Krankenhaus beigestanden hat, die meine Wut, meine Angst und meine Trauer erdulden musste und derzeit fast im Alleingang unseren Alltag managt, die aber selbst kurz nach der OP schon mit mir im Krankenhaus rumgeblödelt hat und nun bereits wieder mit mir in der Sonne lacht. Schön, dass es Dich gibt!

Nach 30 Jahren: Der Krebs ist zurück

Und plötzlich schlägt das Schicksal zu. Ziemlich genau 30 Jahre nachdem mein zweites Auge entfernt wurde, also ziemlich genau 30 Jahre nachdem hierdurch mein Augentumor entfernt wurde, ist der Krebs zurück. Diesmal in der Blase.

Anfang dieses Monats erhielt ich die Diagnose, eine seltene Form eines bösartigen Blasentumors. Stellten die Ärzte zunächst in Aussicht, dass ein Teil der Blase erhalten werden könnte, raten die Onkologen inzwischen aber eindringlich davon ab – zu gefährlich.

Und somit stehe ich vor einem erneuten großen Wandel in meinem Leben. In der kommenden Woche, am Mittwoch, verliere ich also meine Blase. Und dann Chemotherapie, vielleicht auch Bestrahlung. Das hängt von den Gewebe-Proben ab, die bei der Operation entnommen werden.

Das Leben kann sich so schnell ändern. Ich jedenfalls werde einige Wochen ins Krankenhaus gehen. Drücken Sie mir die Daumen, wenn Sie mögen, beten Sie für mich, dass alles den Umständen entsprechend gut verläuft, und ich bald wieder auf dem Damm bin. Und genießen Sie das Glück des Alltags!

Apropos, Glück: Gerade in so schwierigen Zeiten ist es ein großes Glück, Menschen an seiner Seite zu wissen, die man liebt und die einen lieben. Die bezaubernde Anna und ich haben uns am Montag verlobt – eine Motivation mehr, möglichst schnell wieder gesund zu werden.

Wir lesen uns hoffentlich schon bald wieder. Bleiben Sie mir treu.

Blindheit und der Glaube an die Wunderheilung (2)

Das Thema „Blindheit und Wunderheilung“ hat mich noch weiter beschäftigt. Dazu beigetragen hat Andre Jaenisch, der meinen letzten Blogpost kritisch kommentiert hat. U.A. schrieb er:

Ich mein, es ist ja nicht so, dass Jesus durch die Gegend gerannt ist und rief “Wen darf ich heilen? Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Och, bitte, darf ich dich heilen?” Nein, er fragte “Was willst du, dass ich tue?” Mit anderen Worten, es geht um DICH. Wenn DU nicht willst, wird ER nichts tun. Aber es soll ja Menschen mit Behinderungen geben, die sich an dieser stören. Die Initiative in dem von dir zitierten Abschnitt ging ja auch von Bartimäus aus …

„Es geht um DICH“, schreibt Andre. Ist das so? Warum gibt es „Menschen mit Behinderungen, die sich an dieser stören“? Ist nicht ein Hauptgrund hierfür, dass sie sich hilflos fühlen und von der Gesellschaft ausgegrenzt? Geht es wirklich um den Menschen mit Behinderung oder nicht doch viel mehr darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich behinderte Menschen gleichwertig fühlen können? Braucht man in einer solchen Gesellschaft noch das Hoffen auf eine Wunderheilung?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Wunderheilung ist spannend. Momentan wirft sie für mich mehr Fragen auf als Antworten. Aber das muss ja nichts schlechtes sein.

Beim Googeln bin ich noch auf einen spannenden Beitrag gestoßen. Unter der Überschrift „Blindheit – grausames Schicksal oder neue Perspektiven?“ befasst sich Volker König mit dem Thema der Wunderheilung. Seinen Vortrag hielt er 2009 in der Wedeler Auferstehungskirche. Ein kurzer Ausschnitt:

In der Bibel ist an vielen Stellen von Blinden und Wunderheilungen die Rede. Dies trifft auch für die vier Evangelien zu. Doch in keinem Evangelium ist die Ursache der Blindheit näher beschrieben. Blindheit wird als soziale Ausgrenzung dargestellt. Eindrucksvoll wird im Markus-Evangelium (10, 46 – 52) die Geschichte der Wunderheilung des zerlumpten, blinden Bettlers Bartimäus erzählt. Er sitzt am Rande der Straße von Jericho nach Jerusalem, als er Jesus und sein Gefolge vorbeiziehen hört. Gegen den Widerstand der Umherstehenden gelingt es ihm, sich bemerkbar zu machen. Er wird von Jesus erhört und kann wieder sehen. Jesus sagt ihm: Dein Glaube hat Dir geholfen. Dies mag man als ein Wunder ansehen, ein Wunder, das schon Generationen von Kindern im Grundschulalter und Kindergottesdienst vermittelt worden ist. Diese Wunderheilung sollte man nicht kommentarlos übernehmen, wenn man sie auf unsere heutige Zeit übertragen will. Zum einen ist die soziale und damit auch wirtschaftliche Situation blinder Menschen in unserem Lande eine andere als vor 2000 Jahren. Bei uns muss keiner mehr betteln, wenn er sein Augenlicht verloren hat. Auch die medizinische Versorgung ist eine andere geworden. Vor 2000 Jahren gab es keine Brillen oder anderen Sehhilfen, keine Augentropfen. Damals dürften die hygienischen Verhältnisse auch nicht mit denen unserer Zeit vergleichbar gewesen sein.

(…)

Wenn wir also 2000 Jahre zurückspringen, müssen wir fragen, was war die Erblindungsursache des Bartimäus. Könnte es nicht eine einfache Bindehautentzündung mit völlig verklebten Augenlidern gewesen sein. Bartimäus war möglicherweise zu Tränen gerührt, dass Jesus sich seiner angenommen hat, wo ihn doch die übrige Menge eigentlich gar nicht vorlassen wollte. Jesus war für die Menschen ein Hoffnungsträger. Möglicherweise könnten es Bartimäus Tränen gewesen sein, die seinen Heilungsprozess ausgelöst haben. Dann wäre es auch zutreffend, wenn Jesus sagt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wir wissen so gut wie nichts über die Erblindungsursachen jener Zeit. Die Auswirkungen – nicht sehen zu können – stehen dabei ganz außer Frage. Doch man sollte sich darüber im Klaren sein, dass schwerwiegende und länger dauernde Erblindungsursachen – wie oben dargestellt – nicht mit Worten heilbar sind.

(…)

Mit einer spontanen Wunderheilung würde man keinem blinden Menschen einen Gefallen tun, sondern ihn vielmehr in ein absolutes Chaos stürzen. Das Gehirn hat sich während der Blindheit auf die Verarbeitung und Nutzung anderer Sinnesreize umgestellt. Das Gehirn eines Blinden wäre bei einer Wunderheilung gar nicht in der Lage die plötzliche Vielzahl an visuellen Reizen zu verarbeiten. Insofern kann es gar keine „Wunderheilung“ für blinde Menschen geben, es sei denn, man würde gleichzeitig ihren gesamten Erfahrungsschatz, d. h. den Speicherinhalt ihres Gehirns austauschen.

(…)

Blinde üben heute nicht nur handwerkliche Tätigkeiten als Korbflechter und Bürstenmacher aus, sondern sind als Telefonisten, Schreibkräfte, Physiotherapeuten, in akademischen Berufen, als Juristen, Psychologen, Journalisten, Programmierer, Archivare, Sozialarbeiter, Lehrer u.ä. tätig. Sie sind keine homogene Gruppe von Menschen, sondern entfalten sich ganz nach ihren natürlichen Fähigkeiten. Sie organisieren ihren Haushalt selbst, nehmen an Freizeitaktivitäten und Studienreisen in ferne Länder teil. Dennoch haftet ihnen das Image an, unselbständig und inaktiv zu sein. Menschen, die ein grausames Schicksal erlitten haben. Ein Menschenbild, das nicht zuletzt unserer christlichen Erziehung und den Bildern der Gleichnisse unserer Bibel über Blindenheilung entspringt. Es ist bedauerlich, dass viele „sehende“ Menschen sich zieren oder Hemmungen haben, zu fragen oder sich mit dem Thema Blindheit zu befassen. Blinde Menschen sind in keiner Weise anders als sehende Menschen. Wenn sie gewisse Eigenarten entwickeln, mag dies nicht zuletzt auf eine soziale Ausgrenzung zurückzuführen sein, weil z.B. der so wichtige Blickkontakt fehlt (Nonverbale Sprache), der Sehende von einer Kontaktaufnahme abhält.

Den vollständigen, lesenswerten Vortag von Volker König finden Sie auf der Website des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein.

Blindheit und der Glaube an die Wunderheilung

Christian Ohrens berichtete vor einigen Wochen in seinem Blog über eine Begebenheit, die wohl viele blinde Menschen so oder so ähnlich schon einmal erlebt haben:

Einmal, es ist schon etwas länger her, begegnete mir jemand auf der Straße, der im festen Glauben war, dass ich, durch sein Zutun, durch Gebete und den festen Glauben an Gottes Macht, wieder sehen könnte. Ob dies nun eher im übertragenen Sinne gemeint war lassen wir mal außen vor. Der gute Mann ließ sich nicht beirren und er wollte mich nicht mit dem Irrtum gehen lassen, dass genau dies einmal eintreffen sollte. Er bat mich, mir seine Hand auf meine Augen legen und dabei ein Gebet sprechen zu dürfen. Und in so einer Situation stehste da, überlegst, ob du ihn – entschuldigt die flapsige Wortwahl – zum Teufel jagen oder ihn einfach tun und reden lassen sollst? Sollte ich es also über mich ergehen lassen oder sein “Angebot” bestimmt, aber freundlich, ablehnen?

Ich hätte – so wie Christian es dann ja auch getan hat – bestimmt, aber freundlich abgelehnt. Das Problem in solchen Fällen: Anders als bei Vorurteilen aus Unwissenheit ist es mit dem Argumentieren ziemlich sinnlos, wenn es um Glaubensgewissheiten geht. Sprich: Menschen, die fest daran glauben, dass es Wunderheilungen gibt, dass Handauflegen oder Gebete dafür sorgen, dass blinde wieder sehen können, wird man nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über die eigene Erblindungsursache vom Gegenteil überzeugen können.

Und eigentlich will ich das auch gar nicht. Mir ist auch der Glaube an Wunder oder an Gott nicht suspekt – im Gegenteil. Was mich eigentlich an solchen Begegnungen stört, ist, dass meine Blindheit – und damit auch ich als Person – nicht akzeptiert wird, dass eine meiner wichtigsten Eigenschaften zu einem Symbol, zu einer Metapher, zu etwas degradiert wird, was mein Gegenüber nutzt, um seine Weltsicht, seinen Glauben bestätigt zu finden.

Das Motiv der Heilung Blinder ist in unserem Kulturkreis seit Jahrtausenden verankert. Da ist zum Beispiel die Heilung des blinden Bartimäus durch Jesus Christus.

Und sie kommen nach Jericho. Und als er aus Jericho ging mit seinen Jüngern und einer zahlreichen Volksmenge, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, der Blinde, bettelnd am Wege. Und als er hörte, dass es Jesus, der Nazarener sei, fing er an zu schreien und zu sagen: O Sohn Davids, Jesu, erbarme dich meiner! Und viele bedrohten ihn, dass er schweigen solle; er aber schrie um so mehr: Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und hieß ihn rufen. Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei gutes Mutes; stehe auf, er ruft dich! Er aber warf sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Jesu. Und Jesus hob an und spricht zu ihm: Was willst du, dass ich dir tun soll? Der Blinde aber sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Jesus aber sprach zu ihm: Gehe hin, dein Glaube hat dich geheilt. Und alsbald wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege. (Markus, 10, 46-52)

Ist die Heilung nur symbolisch zu verstehen? Hat Jesus einem verlorenen, sündigen Menschen hier sprichwörtlich die Augen geöffnet, oder hat er tatsächlich ein reales, medizinisch begründetes Nichtsehenkönnen geheilt? Und welche Lehren zieht man als Christ heute – in Zeiten der Inklusion – aus dieser Bibel-Geschichte?

Ich erinnere mich – ich war elf oder so -, da standen zwei Zeugen Jehovas in unserer Wohnungstür. Sie wussten, dass ich blind war (auf dem Dorf war das allgemein bekannt). „Du wirst wieder sehen können“, versprachen sie mir. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass das für ein Kind, das erst seit gut drei Jahren blind war, sehr irritierend gewesen ist.

Lustiger war da schon die Begebenheit vor einigen Jahren in der S-Bahn. Ich solle keine Lederarmbänder tragen und kein Fleisch mehr essen, hieß es da. Dafür seien Tiere qualvoll gestorben. Würde ich kein Leder tragen, würde auch mein Sehen wieder kommen. Eine erstaunliche Vorhersage, wenn man bedenkt, dass meine Augen durch zwei Operationen entfernt wurden.

Wie schreibt Christian zum Ende seines Artikels so schön?

Es gibt diesen schönen Spruch, dass der Glaube Berge versetzen kann. Richtig, das mag stimmen. Aber sehen können werden wir dadurch noch lange nicht.

Dem kann ich nichts hinzufügen.

Frühling, HSV und BSVH: Ein Wochenende voller Neustarts

Alles neu macht der Februar. Das war doch wirklich mal ein feines Wochenende.

In Hamburg liegt Frühling in der Luft. Vögel zwitschern. Die Sonne scheint immer kräftiger. Jacken und Schuhe werden leichter. Spaziergänge mit der bezaubernden Anna an unseren schönen Kanälen tun der Seele gut.

Gut tat auch der gestrige Sieg des Hamburger SV gegen Dortmund, zumal er wirklich überraschend kam. Der Neustart mit Trainer Mirko Slomka ist wahrlich geglückt, was im Übrigen zeigt, welch große Rolle die Psychologie im Fußball spielt. Waren die HSV-Spieler in den letzten Monaten unsicher, antriebsschwach und ohne jedes Selbstbewusstsein, reichten fünf Tage unter der optimistischen und engagierten Leitung Slomkas, um wieder konzentriert und begeisternd zu spielen. Und in so einer Stimmung gelingen dann sogar echte Meister-Tore.

Nicht nur beim HSV, auch beim BSVH, dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, gab es einen kleinen Neustart. Während wir bei unseren Angeboten für Senioren bereits extrem gut aufgestellt sind, gibt es bisher nur wenige Angebote für jüngere Menschen in unserem Verein. Gestern sind wir hier einen kleinen, aber wichtigen Schritt gegangen und haben uns mit rund 20 Mitgliedern im Alter von Anfang 20 bis Mitte 40 zusammengesetzt und gemeinsame Aktivitäten geplant. Erste Ideen waren Showdown-Spielen, gemeinsame Theater-, Konzert-, Museums- oder Kneipenbesuche oder ein Wochenende in unserem AURA-Hotel.

Apropos, im AURA-Hotel in Timmendorfer Strand war ich am Freitag auch. Gemeinsam mit unseren Vorsitzenden, Angelika Antefuhr und Karsten Warnke, stand ich unseren tollen Mitarbeitern bei einer Teamsitzung Rede und Antwort. Und dass wir mit unserem Hotel für blinde und sehbehinderte Menschen ein absolut zeitgemäßes und wichtiges Angebot haben, zeigen die erfreulichen Auslastungszahlen. Bei knapp 69% lag die Auslastung in 2013 – das ist neuer Rekord. Wenn Sie mögen, schauen Sie sich doch auch einmal auf unserer AURA-Website um und empfehlen Sie unser Haus weiter.

Zwei angenehme dienstliche Termine, ein wichtiger Sieg der Lieblingsmannschaft, ein schöner Spaziergang – und zwischendurch noch eine Geburtstagsfeier in der besten aller Kneipen mit den besten Freunden aller Zeiten. So wie dies Wochenende war, kann es gern weiter gehen. Ihnen wünsche ich eine gute Woche mit vielen erfreulichen Neustarts!

58 Stunden Hörgenuss: “Die Elenden” von Victor Hugo

Geschafft. 57 Stunden und 46 Minuten dauerte das Hörbuch, und es hat sich gelohnt. In Zeiten, in denen Sachverhalte in 140 Zeichen via Twitter gepostet werden, in denen ständig neue Push-Benachrichtigungen unsere Aufmerksamkeiten von einem Thema zum nächsten, von WhatsApp zu Facebook lenken, in solchen Zeiten ist es ein wohltuendes Gegenprogramm, wenn man mehrere Wochen mit einem Hörbuch verbringt.

Victor Hugos Meisterwerk „Die Elenden / Les Misérables“ ist in der Tat hörenswert. Über rund 20 Jahre erstreckt sich der epochale Roman. In aller Ruhe und Ausführlichkeit werden die vielen handelnden Personen eingeführt, ihre Lebensgeschichten und Verflechtungen ausgeschmückt. Zusätzlich nimmt sich Hugo immer wieder auch die Zeit über mehrere Kapitel hinweg über den Verlauf der Geschichte zu philosophieren, Napoleons Schlachten en Detail zu schildern oder die Geschichte der Kanalisation von Paris zu erläutern.

Das mag vielen Hörern langatmig erscheinen, zumal wenn sie an gekürzte Hörbücher gewöhnt sind. Ich aber fand die Lektüre von „Die Elenden“ enorm unterhaltsam. Denn das Buch ist auch ein echter Schmöker mit allem, was dazu gehört: Verbrechen, Verschwörungen, Missgunst, Selbstzweifel, Läuterungen, Rückschläge, unglückliche und glückliche Liebe.

Und schließlich ist der Sprecher schuld daran, dass die knapp 58 Stunden immer kurzweilig waren. Gert Westphal ist einfach ein ganz Großer. Wie er allen Figuren ihre ganz eigene Klangfarbe verleiht, wie er mal leicht, mal energisch, mal ruhig, mal temporeich liest, das ist schon wirklich einzigartig.

Also, kurz und knapp: Ich kann dieses lange und großartige Werk nur wärmstens empfehlen. Und wer Hörbücher mag, sollte dringend zuschlagen. Mit Audible-Abo bekommen Sie Victor Hugos „Die Elenden“ schon für lumpige 9,95 € – es lohnt sich.

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